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Der zweite Entwurf: Abû Bakr ar-Râzî

Publié le 06/01/2010

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Dass man Philosophie und Theologie (auch) im islamischen Kulturkreis trennen sollte, wurde ohnehin kurze Zeit nach Kindîs Tod deutlich. Mochte er noch die Arbeit der Theologen respektiert haben; mochten die Theologen seiner Zeit ihre Rationalität betont haben und sogar an der aristotelischen Dialektik (Topik) und an bestimmten Konzepten der antiken Naturphilosophie interessiert gewesen sein – wenige Jahrzehnte später änderten sich die Perspektiven der Beteiligten. Aus der sachlichen Distanz, die zwischen den beiden Wissenschaften bestanden hatte, wurde eine bewusste Distanzierung, die alsbald einer Frontstellung gleichkam. Die Gründe für diese Entwicklung sind vielschichtig und lassen sich nicht in wenigen Zeilen resümieren. Festhalten kann man jedoch, dass die Verhärtung des Verhältnisses, die wir um die Wende vom 9. zum 10. Jahrhundert beobachten können, von den Vertretern beider Seiten ausging. Die Theologen, die lange Zeit bereit gewesen waren, mit den verschiedensten gedanklichen Anregungen (auch aus dem antiken Erbe) zu operieren, betonten jetzt die Normativität der islamischen Überlieferung. Maßgeblichen Anteil daran hatten al-Asch arî (gest. 935) und al-Mâturîdî (gest. 944). Sie verzichteten zwar nicht auf die Anwendung von rationalen Beweisführungen, meinten aber, jedes Dogma müsse aus dem Koran oder aus der prophetischen Tradition (d. h. der sunna) begründet (Asch arî) bzw. abgesichert (Mâturîdî) werden. Damit veränderten sie den konzeptuellen Rahmen, innerhalb dessen sich die theologischen Spekulationen bewegten, und sorgten dafür, dass eine überlieferungsorientierte, «sunnitische« Theologie in den Vordergrund trat. Die Philosophen hatten dagegen ganz andere Ziele. Sie profitierten davon, dass auch nach Kindîs Tod ständig weitere Texte aus dem Griechischen und dem Syrischen ins Arabische übersetzt wurden. Das verbesserte die Grundlage ihres Nachdenkens, erhöhte aber auch die Ansprüche, die aus diesem Nachdenken abgeleitet wurden. Sie beschränkten sich nicht mehr auf das Postulat, die Philosophie möge – im Sinne Kindîs – Argumente und Erklärungsmodelle im Dienste des islamischen Dogmas bereitstellen.

« zugleich die Geschichte der Welt und des Menschen ist.

Aufschlussreich ist dabei, dass der Prozess derVervollkommnung der Seele vom Intellekt geleitet wird.

Das führt uns zum nächsten Thema, der Erkenntnislehre, diein Râzîs Überlegungen ebenfalls einen wichtigen Platz einnimmt.

Auch hier erweist er sich als ein unkonventionellerDenker.

Denn anders als seine Kollegen vor ihm (Kindî) und nach ihm (Fârâbî, Avicenna, Averroes) behandelt er dasProblem nicht, indem er von Aristoteles' Aussagen über den aktiven und den passiven Intellekt ausgeht.

Ihm liegtvielmehr daran, einen anderen Punkt herauszuarbeiten.

Er besteht in der bereits erwähnten Überzeugung, dass jederMensch allein mit Hilfe des Intellekts, der ihm von Gott geschenkt wurde, Erkenntnis gewinnen und seiner Aufgabe inder Welt gerecht werden kann.

Dieser Grundsatz ist nicht ganz so optimistisch, wie es zunächst erscheinen mag,denn Râzî rechnet durchaus mit der Möglichkeit des Scheiterns.

Er sieht dafür sogar eine Strafe vor.

Denn wer seinLeben nicht zum Erkennen (und den daraus folgenden richtigen Handlungen) nutzt, muss damit rechnen, dass er alsniedrigeres Lebewesen wiedergeboren wird.

Selbst dann bleibt indes die Aussicht auf ein gutes Ende.

Denn auch imneuen Zustand wird der Betreffende die Chance haben, seine Fehler wieder gutzumachen und an dem Prozess derAufwärtsbewegung der Seelen teilzunehmen.

Somit steht fest, dass alle Menschen irgendwann ihr intellektuellesPotential ausschöpfen und ihre Seelen befreien werden.

Auch diese Überzeugung lässt sich mit Vorstellungen aus derAntike verbinden.

Sie verweist uns noch stärker als die vorgängigen kosmologischen Überlegungen auf denPlatonismus.

Das kann im Übrigen nicht verwundern.

Schließlich war Râzî Arzt.

Als solcher studierte er eifrig Galensweit verzweigte Schriften (von denen bis zum Ende des 9.

Jahrhunderts über hundert auf Arabisch vorlagen).

Galenaber war nicht nur dafür bekannt, dass er ein ausführliches philosophisches Propädeutikum in die medizinischeAusbildung integrierte.

Er war auch ein Anhänger des Platonismus und verfasste unter anderem einen Text, in dem erdidaktisch geschickt den Lektürekanon der Platoniker zusammenfasste.

Gleichwohl gilt auch hier: Râzî übernahm dastradierte Lehrgut nicht unverändert, sondern stellte es in einen neuen Kontext.

Dieser neue Problemzusammenhangwar davon gekennzeichnet, dass die rationale Erkenntnis einen Konkurrenten erhalten hatte, nämlich das Wissen,das sich auf die göttliche Offenbarung bezog.

Dessen Ansprüche weist Râzî unter Berufung auf seine Epistemologievehement zurück.

Denn er ist nun einmal davon überzeugt, dass der barmherzige und gerechte Gott allen Menschendie Fähigkeit zur Erkenntnis geschenkt hat.

Aus diesem Grund hält er es für ausgeschlossen, dass einzelnenPersonen zusätzlich ein exklusives Offenbarungswissen zuteil werde.

Es gibt demnach, so seine Schlussfolgerung,keine Propheten.

Ja mehr noch: Wer für sich in Anspruch nimmt, die Gabe der Prophetie zu besitzen (Mose, Jesus,Muhammad usw.), kann nur ein Betrüger sein.

Er täuscht eine Eingebung vor, die er gar nicht erhielt, und scharthinter sich eine angeblich privilegierte Gemeinde.

Sie aber hat nichts Besseres zu tun, als mit anderen Ge- meinden,die sich ebenfalls im Besitz der geoffenbarten Wahrheit wähnen, Kriege zu führen.

Solche Äußerungen ließen Râzî inden Augen vieler Zeitgenossen endgültig als gottlosen Ketzer erscheinen.

Das mag in einer Gesellschaft, die sich aneinem Propheten orientierte, nahe liegen.

Aber die Vorwürfe gingen trotzdem der Sache nach an ihrem Ziel vorbei.Râzîs Absicht bestand nicht darin, die Existenz oder die Bedeutung Gottes in Frage zu stellen.

Nach allem, was wirgesehen haben, wollte er Gott vielmehr als den unmittelbaren und alleinigen Garanten für das Heil aller Menschenherausstellen.

Diese Tendenz durchzog seine Metaphysik und seine Erkenntnislehre, und sie wird sich erneutbestätigen, wenn wir uns seinen ethischen Betrachtungen zuwenden.

Im Gebiet der Ethik waren Râzîs Ansichten,wie schon erwähnt, weniger spektakulär und irritierend.

Das ist vermutlich der Grund dafür, dass zu diesem Themazwei Abhandlungen aus seiner Feder erhalten sind (Die geistige Medizin und Die philosophische Lebensweise).

Imersten Text erklärt er, wie die Seele zur Tugend erzogen werden könne.

Dabei spielt die Abwehr der Leidenschaftenebenso eine Rolle wie das Vertrauen darauf, dass der Intellekt des Menschen das rechte Maß für alle Handlungenund Genüsse bestimme.

Der zweite Text, der offenbar kurz vor Râzîs Tod entstand, ist persönlicher gehalten.

In ihmverteidigt er sich gegen seine Kritiker.

Sie müssen ihm vorgeworfen haben, das tugendhafte (hier speziell dasasketische) Leben zwar anderen gepredigt, aber selbst nicht in die Tat umgesetzt zu haben.

Râzîs Antwort auf dieseAnschuldigungen ist, wie der Titel schon zeigt, sein Entwurf der «philosophischen Lebensweise».

Er kreist um dieFigur des Sokrates, der als der Idealfall des erkennenden und tugendhaften Menschen vorgestellt wird.

Auch ermusste sich Râzî zufolge diese Qualitäten erst erwerben.

Denn in seiner Jugend war Sokrates angeblich noch zueinseitig auf ein asketisches und zurückgezogenes Leben bedacht (was der kynischen Interpretation seiner Figurentspricht).

Später änderte sich das jedoch, denn als reifer Mann soll er gelernt haben, den verschiedenenAnsprüchen, denen sich ein Mensch stellen müsse, zu genügen (was der platonischen Interpretation des Sokratesund Râzîs eigenem philosophischen Programm entspricht).

Es sind dies: die Suche nach Erkenntnis; gerechtesHandeln; Mitleid mit anderen; das sinnvolle Abwägen der (diesseitigen und jenseitigen) Genüsse; das Vertrauen aufeinen barmherzigen Gott; und die Überzeugung, dass wir durch Wissen und Tugend unsere Seelen befreien undeinem glücklichen Leben nach dem Tod entgegengehen.. »

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