Magischer Realismus (Sprache & Litteratur).
Publié le 13/06/2013
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Magischer Realismus (Sprache & Litteratur). Magischer Realismus, innerhalb der bildenden Kunst eine in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts im Zuge der Neuen Sachlichkeit entstandene Bezeichnung für jene Art der Malerei, der unter Aussparung von Unwichtigem und statuarischer Kompositionstechnik und perspektivische Verzerrung eine magisch-unwirkliche Darstellung gelingt; Vertreter waren u. a. Georg Schrimpf und Franz Radziwill, später dann Mitglieder der Wiener Schule des phantastischen Realismus. In der Literatur ist der magische Realismus eine Strömung nach 1945 vor allem innerhalb der lateinamerikanischen Literatur, die die reale Welt nur als Folie einer zweiten, anders gearteten - magischen - Wirklichkeit versteht. Der Begriff geht auf eine Bemerkung des kubanischen Romanciers Alejo Carpentier zurück (,,Was ist die Geschichte von Lateinamerika anderes als eine Chronik des Magischen im Realen?"); in das Vokabular der Literaturkritik wurde es von Alistair Reid aufgenommen. Wie viele Werke der Postmoderne, so verfährt auch der magische Realismus im Wesentlichen eklektizistisch. Insbesondere vermischt er das realistische Erzählen mit phantastischen und übernatürlichen Elementen und macht sich dabei das poetische Reizpotential dieser Kombination zunutze. Die Ablehnung der vertrauten Vorstellungen von Wirklichkeit mündet häufig in einer Infragestellung der Wahrheit generell. Frühe Vorläufer des magischen Realismus finden sich bereits in der Antike; seine Verfahren sind bereits bei François Rabelais und Laurence Sterne präsent, weisen dort aber einen anderen Funktionszusammenhang auf: Phantastik dient hier ausschließlich der Untermalung eines Arguments oder dem Witz. Beispiele aus neuerer Zeit sind etwa Elisabeth Langgässers Das unauslöschliche Siegel (1946), Ernst Kreuders Die Gesellschaft vom Dachboden (1946), Hermann Kasacks Die Stadt hinter dem Strom (1947), Günter Grass' Die Blechtrommel (1959), Vladimir Nabokovs Pale Fire (1962; Fahles Feuer) und Ada. Or ardor: a family chronicle (1969; Ada oder Das Verlangen) und Kurt Vonneguts Slaughterhouse-Five (1969; Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug). Zur Blüte kam der magische Realismus indessen erst in den sechziger und siebziger Jahren in Lateinamerika, wo die postkoloniale Erfahrung scharfe Diskrepanzen zwischen den Kulturen der Technik und des Aberglaubens mit sich brachte und wo die diktatorische Herrschaft das Wort zugleich einzigartig wertvoll und endlos manipulierbar machte. Abgesehen von Carpentier selbst zählen Miguel Angel Asturias, Julio Cortázar, José Lezama Lima, Mario Vargas Llosa, Juan Rulfo und vor allem der Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez zu den Repräsentanten. Sein Familienepos Cien años de soledad (1967; Hundert Jahre Einsamkeit) und die Romane El otoño del partriarca (1975; Der Herbst des Patriarchen) und Crónica de una muerte anunciada (1981; Chronik eines angekündigten Todes) bilden bis heute die Höhepunkte der Richtung. Außerhalb Lateinamerikas beeinflusste der magische Realismus u. a. das Werk des Italieners Italo Calvino und des Tschechen Milan Kundera, in Maßen auch des Inders Salman Rushdie (Midnight's Children, 1981; Mitternachtskinder) und The Satanic Verses (1988; Die Satanischen Verse). Obwohl der magische Realismus seinen einstigen Stellenwert weitgehend eingebüßt hat, zeigen sich auch bei zeitgenössischen Werken wie Waterland (1983) von Graham Swift, Flaubert's Parrot (1984) von Julian Barnes, Nights at the Circus (1984, Nächte im Zirkus) und Wise Children (1991) von Angela Carter sowie Illywhacker (1985) von Peter Carey noch seine Einflüsse. Microsoft ® Encarta ® 2009. © 1993-2008 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten.
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